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Die Chroniken der Hallgau

TEIL 1

TEIL 2

TEIL 3

Der zweite rostige Krug aus Sicht des Chronisten Gulliver Krummfeder

Es war im Jahre 19 nach Fall der Barriere, als ich, Gulliver Krummfeder, mich auf den Weg in die Hallgau machte, um an einem legendären Fest teilzunehmen, das im "Rostigen Krug" stattfand. Die Taverne befand sich in der ehrwürdigen Stadt Hohensteyn, die im abgelegenen Südosten der Hallgau lag. Doch was als fröhliches Fest begann, sollte sich zu einer beunruhigenden und blutigen Geschichte entfalten, die mich nachhaltig prägen sollte.

Das Fest im Rostigen Krug

Die Ankunft in Hohensteyn war spektakulär. Die Stadt erhob sich majestätisch über den Deimonstrom und strahlte eine gewisse Aura der Macht aus, die sie nach dem Bürgerkrieg erlangt hatte. Als ich den "Rostige Krug" betrat, war ich fasziniert von der prächtigen Atmosphäre. Das Fest brach in vollem Gange aus und die Gäste feierten ausgelassen mit Spielen und reichlichem Trank.

Doch schon bald erfuhr ich von einem dunklen Geheimnis, das die Festlichkeiten überschattete. Der ehrenwerte Sir Tristan, ein hochrangiger Würdenträger der Hallgau, erste Ritter des Landes und Kriegsherr, wurde von einer Wache seines Vertrauens hintergangen. Diese schmuggelte nicht nur Waren, sondern erhebt auch falsche Zölle für die eigene Tasche und ist Teilhaber an anderen dubiosen Machenschaften.

Der Test der Menschlichkeit und Klugheit

Wutentbrannt beschloss Sir Tristan, dass er sich von außerhalb Hilfe holen müsse, um den Verräter zu entlarven. Die Idee, eine andere Wache mit der Prüfung zu betrauen, wurde schnell verworfen, da das Risiko bestand, dass die Korruption weiter verbreitet war. So kam es, dass er eine Reihe von Tests durchführte, um den Recken mit dem

größten Menschengefühl und Scharfsinn zu finden.

Holm Jerusel, der unerfahrene Reisende

Unter den Prüflingen befand sich ein junger, unerfahrener Reisender namens Holm Jerusel. Ich beobachtete, wie er jeden Angestellten und Soldaten zu bestechen und zu befragen versuchte, doch es schien, als wären alle Wachen loyal. Niemand nahm Bestechungsgelder an oder verhielt sich auffällig.

 

Die folgenschwere Entscheidung

Als Holm schließlich vor Sir Tristan trat und unter Druck gesetzt wurde, einen Namen zu nennen, nannte er zögerlich einen Wachmann - Heinfried. Doch als der Teppich der Hallgau hereingetragen wurde und sich als blutdurchtränkt erwies, erkannte Holm, dass er einen schrecklichen Fehler begangen hatte.

 

Eine unbarmherzige Strafe

Sir Tristan deutete auf Holm Jerusel und verkündete stolz, dass dieser den Verräter entlarvt habe und nun Gerechtigkeit forderte. Doch während Holm versuchte, sein falsches Spiel zu beenden und die Unschuld des Wachmanns zu beteuern, brach die brutale Realität über ihn herein. Die eventuell unschuldige Wache Heinfried verlor ihr Leben durch einen blutigen Kehlenschnitt und brach röchelnd zusammen, während der Teppich sich mit immer mehr Blut färbte.

Das Ende meines Aufenthalts in der Hallgau

Die Schrecken jenes Abends ließen mich verstehen, dass die Hallgau trotz ihrer erstaunlichen Wiederauferstehung nach dem Bürgerkrieg ein Land der Brutalität und unbarmherzigen Gerechtigkeit war. Die Freude des Festes konnte die Grausamkeit nicht vergessen machen, und so beschloss ich, nie wieder in die Hallgau zurückzukehren. In der Hoffnung, dass ein anderer Chronist die Taten dieses jungen Landes niederschreiben und die Geschichten der Hallgau fortführen würde.

Möge mein Bericht dazu dienen, die vergangenen Ereignisse in der Hallgau nicht in Vergessenheit geraten zu lassen und den Mut aufrechtzuerhalten, sich gegen Ungerechtigkeit zu erheben, selbst wenn die Konsequenzen verheerend sein können.

Die 3. Bis 12 Veranstaltung der Hallgau aus Sicht von Ariatros von Therson

Lieber Leser,

mein Name ist Ariatros von Therson, Herold der Hallgau. Mir wurde vom höchstehrenwerten Sir Tristan von Hohensteyn, Vogt von Tharros, erster Ritter des Reiches und Kriegsherr der Hallgau, die Aufgabe übertragen, den Dienst von Gulliver Krummfeder fortzuführen und euch durch die Geschichte dieses Landes zu führen. Ich war, wie höchstwahrscheinlich ihr selbst auch, einst nur ein Reisender in einem fremden Reich. Ich will daher hier keine Lobgesänge anklingen lassen, sondern euch aus dieser, meiner Perspektive beschreiben, was ich bisher in der Hallgau erleben durfte. Also bitte, nehmt Platz, macht es euch bequem und lauscht den Geschichten eines Gastes, der diesen verfluchten Flecken Land sehr bald Heimat nannte.
Warum verflucht, fragt ihr? Nun, alles begann mit meiner ersten Reise in den „Rostigen Krug“. Der damalige Wirt, der sich auch nur unter diesem Namen ansprechen ließ, hatte die Pforten seiner Taverne geöffnet gehabt, um den Menschen nach dem Krieg wieder ein wenig Freude spenden zu können. Sein Vater führte die Taverne unter dem Namen „Der goldene Krug“, doch sie war, wie vieles andere auch, Opfer der Plünderungen und Brandschatzungen gewesen. Der Wirt war also von der edlen Idee beseelt, das Zuhause seiner Familie wieder aufzubauen. In Demut vor ihrem einstigen Glanz war das Gold im Namen jedoch dem Rost gewichen und auch so gab es so manches, was den Wirt betrübte. Doch er wollte seinen Gästen den Abend nicht verhageln, also zwang er sich zu guter Laune. Was weder er noch irgendjemand sonst in dem Raum zu diesem Zeitpunkt wusste, war, dass dies schreckliche Konsequenzen haben sollte. Nach einer erquicklichen Einkehr geschah es, der Wirt brach vor aller Augen zusammen. Frohgemut, der Hofheiler, riss die Tafeldecke zur Seite, um Platz für den Mann zu machen. Unter der zerspringenden Keramik wurde der Wirt auf die Tafel gehoben. War es eine Krankheit? War es Gift? Medici und Magistri kamen und wussten keinen Rat. Ihnen fiel jedoch auf, dass er einen ganz sonderbaren Holzlöffel umklammert hielt. Er kämpfte um ihn, wie ein Trunkenbold um seine letzte Flasche, doch war schließlich der Übermacht der besorgten Hände nicht gewachsen. Die Magistri entdeckten auf dem Löffel ein sonderbares Muster und spürten, dass von diesem ein Fluch ausging. Dies war keine Jahrmarktsmagie, sondern die Quelle allen Übels, die im Laufe der Zeit über die Hallgau hereinbrechen würde.
Ich befragte also den immer schwächer werdenden Wirt, woher er den Löffel hatte. Er ließ seine Maske nun endlich fallen und erzählte, wie sehr ihm der Verlust und der Krieg zugesetzt hatten. Von Trauer und Einsamkeit erfüllt, ging er häufig in den Wald. Eines Tages fand er sich auf einer blühenden Lichtung wieder, die er noch nie zuvor entdeckt hatte. Dort ragte der Holzlöffel empor, als wäre er natürlich, wie eine Pflanze, aus dem Boden der Lichtung gewachsen. Der Wirt sah dies als gutes Omen und neue Lebenskraft erfüllte ihn. Er wollte mit diesem Löffel seinen Gästen die größten Freuden bereiten. Doch was in eine Richtung wirkt, kann umgedreht werden. Die Taverne war betrübt, sie war still und Lachen. All das, was der Wirt verhindern wollte, war eingetreten. Anstatt Heiterkeit zu stiften und die Menschen zu beleben, führte die schlechte Stimmung langsam zum Tod des Wirtes. Daraufhin unternahmen wir alles, um die Laune der Leute zu heben, selbst Feuerkünstler unterstützten mit atemberaubenden Künststücken dieses Unterfangen. Dem Wirt ging es immer besser und zum Abschluss, sollte ihn letztlich ein Ritual von der Magie des Löffels befreien. Doch wehe, ein Verräter hatte sich unter die Gäste geschlichen. Er vertauschte die zu opfernden Gaben, die alle der Vergangenheit des Wirtes entsprungen waren und niemand bemerkte es. Alles schien gut, der Wirt war wieder bei vollen Kräften, bis er plötzlich ein zweites hinfiel, doch dieses Mal, sollte er nicht wieder aufstehen. Der Wirt war gestorben, der Verräter entkam und der Fluch blieb ungelöst. Sein verderbter Einfluss sollte die Hallgau von nun an begleiten.


Eine Beerdigung und eine Bühne
Der Wirt wurde etwas später in der Solana-Kirche von Solthal beigesetzt. Da er mir durch den verzweifelten Kampf um sein Überleben ans Herz gewachsen war, kam ich, um eine Gedenkrede zu halten. Was ich vorher nicht wusste, war, dass die Inquisition bei der Beisetzung anwesend sein würde. Das war meine erste Begegnung mit dem Orden der Soliten. Er wird in späteren Geschichten noch eine große Rolle einnehmen. Auf der Beerdigung sorgten die Soliten allerdings nur dafür, dass die Anwesenden durch den entfesselten Fluch geschützt blieben. In den dunklen Ecken wurde von noch dunkleren Gestalten nach dem Verräter gesucht, doch er sollte vorerst verschwunden bleiben. Der Platz des Widersachers blieb aber nicht unbesetzt. So platzten während der Grabrituale pöbelnde Bauern in die Kirche. Sie beschimpften die Markgräfin, Magarete Ionata von Fuchsenstein, und ihre Gäste unflätig. Sie waren Mitglieder des Holzschuhs, eines Marionettenaufstandes, der wahrscheinlich von einem Silbermärker gelenkt wurde. Meine Vermutung speiste sich dabei aus zwei Fakten: Erstens ist die freie Handelsrepublik der Silbermark deswegen frei und eine Republik, weil sie sich ihres Adels entledigt hatte. Der Verbreitung ihrer Ideale und die normative Verbundenheit zu einem Bauernaufstand wäre für sie eine lohnende, politische Gelegenheit. Zweitens belauschte ich einige der Bauern, die davon sprachen, bezahlt wurden zu sein. Sie hatten außerdem Papier bei sich, das sie als Pamphlete überall verteilten. Wie der Zufall es so will, steht eine der wenigen und größten Papiermühlen in der Silbermark. 
Doch wie die politische Großwetterlage auch war, sie störten die Beisetzung massiv, was ein bewaffnetes Eingreifen unvermeidlich machte. Schnell wurden Extrempositionen laut. Die Bauern forderten das Ende der Grafschaft und Sir Tristan die Köpfe der Bauern. Ich bot mich also an, zwischen beiden zu vermitteln. Es ergab sich darauf, dass die Bauern alle ihre angeblichen Werte und Ideale für ein wenig Gold in den Dreck warfen. Was nicht verwunderlich ist, war es doch ihre anfängliche Bezahlung, die sie überhaupt erst zu diesen Störungen motiviert hatte. Sie waren wohl als eine Ablenkung für den Diebstahl eines Relikts geplant gewesen, der letztendlich scheiterte. So blieben am Ende nur ein paar geprügelte Bauern, die für ein bisschen Gold ihrer Sache langfristig mehr geschadet haben, als es ihre Bezahlung jemals wert gewesen war. Auch sie werden der Hallgau als fortlaufendes Ärgernis erhalten bleiben.

Tanz der Toten
Kehren wir gedanklich jedoch wieder zu den Flüchen zurück. Denn nicht lange, nachdem die Bettung zur letzten Ruhe so eklatant gestört wurden war, mussten sich die Aktionen des Holzschuhs im Jenseits rumgesprochen haben. Denn anders lässt es sich nicht erklären, dass zu einem freudvollen Fest, bei dem die Schwangerschaft der Markgräfin und die Vergabe einiger Lehen verkündet wurde, die Toten im wahrsten Sinne einen Tanz aufgeführt haben. Sie traten, ganz ohne Einladung, in den Kreis der Gäste und forderten, dass ihre Totenruhe durch absonderlichste Botengänge wiederhergestellt werden sollte. Der Wirt war leider nicht unter ihnen, dafür fanden sich in ihren Reihen aber echte Rüppel. Deren Amüsement bestand nicht aus Tanz, Wein und Würfeln, sondern allein aus der Freude an Zerstörung. Während also die Gäste, die eigentlich den Abend im Glanze der frohen Kunde genießen wollten, versuchten die Geister zufriedenzustellen, krachte Welle für Welle eine untote Horde vor unsere Tore. Wo waren da die Soliten, wenn man sie einmal brauchte? Ich fand mich verletzt an der Seite des Markgrafen, Christopherus von Ackerfrost wieder, um den Gästen Zeit zu verschaffen. Doch neben uns stand niemand mehr. Mit Todesverachtung fochten wir um unser Überleben. Wenn sich nicht tapfere Streiter ein Herz gefasst hätten, durch ein Portal das Geisterreich zu betreten, wäre es um uns geschehen gewesen. Wie ich im Nachgang hörte, hatte der Verräter, der den Wirt ermordet hatte, in einem Akt der Reue seine Seele geopfert, um das große Unrecht wiedergutzumachen. Er hatte ein Leben genommen und seines dafür gegeben. Das Gleichgewicht war wiederhergestellt und es schien, dass der Fluch gelöst war. Doch die Zeit sollte uns eines Besseren belehren.

Die Prophezeiung 
Dunkle Zeiten werden häufig von Omen begleitet. Sie erscheinen oftmals in subtilen Formen und benötigen Gelehrte, die ihre Zeichen verstehen. Nicht so jedoch in der Hallgau. Selten wurde mir ein Omen so ins Gesicht geschrien, wie von dem verrückten Propheten. Was war geschehen? Die Markgräfin lud an ihrem Hof, um ihrem ungeborenen Kind einen Namen zu geben. Die Gäste durften dazu Namensvorschläge machen. Das führte selbstverständlich dazu, dass es Narren unter ihnen gab, die sich einen dummen Spaß nicht verkneifen konnten. So war ein Vorschlag etwa, den zukünftigen Herrscher der Hallgau nach Kohl zu benennen. Im Gegenzug ließ es sich Sir Tristan nicht nehmen, solcher Vorschlagsgeber selbst umzubenennen. Die Namensvergabe war allerdings kein bloßes Spiel oder nur ein Zeichen edler Großzügigkeit der Markgräfin. Denn es ging unter den Gästen ein zerzauster Prophet mit seinem Schüler umher, der in bester Markschreiermanier nicht müde wurde zu wiederholen, dass der falsche Name großes Unheil über die Hallgau bringen würde. Der Fluch hatte sie wieder eingeholt. Während wir uns mit unermüdlicher Unterstützung von den Scholaren von Simpelus Hand das Übersetzten, Interpretieren und Zusammenfügen der Prophezeiung machten, wurde davon ungestört die Namenswahl abgehalten. Es wurde der Namen Heinrich Magnus gewählt, der, wie ich in aller Bescheidenheit ergänzen muss, mein Vorschlag bzw. der Vorschlag meiner damaligen Reisegefährten war. Doch es ergab sich, wie sollte es bei einer Prophezeiung auch anders sein, dass genau dies der verfluchte Name war welcher auch in dem stets verschlossenen Briefumschlag war. Der brüllende Verkünder half indes aber auch nicht eine Lösung zu finden, denn er war zu sehr damit beschäftigt, jeden in Sichtweite zu beleidigen. Das führte folglich zu seiner öffentlichen Bestrafung, die durch viel Verhandlungsgeschick sowie gutem Willen nur in seiner Auspeitschung endete. Ein Detail wurde dabei jedoch offenbar: sein Schüler genoss die Bestrafung seines Meisters sehr und auch die mittlerweile mehr oder minder übersetzte Prophezeiung wies daraufhin, dass der Schüler der eigentliche Übeltäter war. Mit der Erkenntnis gewappnet, wurde der Kerl ergriffen. Doch aus das reichte noch nicht, um den Fluch zu brechen. Also ersannen wir uns einen Plan, die Bedingungen der Prophezeiung selbst zu brechen. Die spitzohrige Priesterin Wilwariel taufte darauf das ungeborene Kind unter einen elfischen Namen. Die Heiligkeit der Taufe, so dachten wir damals, sei bindender als das Votum der Vielen. Wir hatten alle so große Hoffnungen gehabt, doch wieder einmal sollte der Fluch stärker sein als unsere größten Mühen.

Der rote Zwilling
Der Tag war also gekommen. Das neue Leben war prachtvoll in der Markgräfin
herangereift und bereit, die Welt mit seiner Existenz zu bereichern. Ich kann mich noch gut an die Feststimmung erinnern, in der die Gäste Zeuge der Geburt des Thronerben wurden. Umringt von Soliten, die dunkle Kräfte abwehren sollten, und ihren Heilern, setzten die Wehen ein. Es wurde gejubelt, geklatscht und angestoßen, als der Junge ins Licht gehoben wurde. Doch wo Licht ist, da ist auch immer Schatten und so sollte der Fluch nun grausame Ernte halten. Denn auf das gesegnete Kind folgte ein Zweites, der rote Zwilling. Wie die Prophezeiung davor gewarnt hatte, hing seine Haut in blutigen Fetzen von seinem Körper. Es hieß, dass er den Untergang über die Hallgau bringen werde. Der Frohsinn war Schweigen und Schrecken gewichen. Dann tauchte der für mich namenlose Solitenpriester auf, vor dem ich bis heute Ehrfurcht habe. Er forderte, das Kind einer Funkenprüfung zu unterziehen. Im Glauben der Solana besitzt jedes lichte Wesen einen ihrer Funken, fehlt dieser, handelt es sich um eine Kreatur der Nacht, die vernichtet werden muss. Bei solch einen blutdürstigen Dogma würde man schäumende Fanatiker vermuten, die mit Fackeln ihren Glauben umsetzen. Doch der Priester konnte nicht weiter von diesem simplen Bild abweichen. Er war ein verständiger Pater, der mit sanfter und doch fester Stimme die rationale Notwendigkeit seines Vorgehens begründen konnte. In seinen Augen war kein Wunsch nach Gewalt zu lesen. Er stand mit all seiner Besonnenheit fest für die Werte der Solana. Es wäre einfach gewesen, einen Eiferer die Stirn zu bieten, nicht aber diesen Mann. Die Gäste wiederum teilten sich in zwei Lager und das Lager, was den roten Zwilling beschützen wollte, unternahm alles, um ihn den Griff der Soliten zu entziehen. Ich muss zu meiner eigenen Schande gestehen, dass ich mit einigen anderen das Kind dem Soliten auslieferte. Ein Dieb war seiner habhaft geworden und floh mit ihm. Wir wussten nicht, dass er es schützen wollte, also stellten wir ihn. Ich dachte, wir würden etwas Gutes tun. Doch kaum war der namenlose Priester herangetreten, zog er seinen Dolch und enthauptete das schreiende, hilflose Geschöpf. Es hatte die Funkenprüfung nicht bestanden. Es hat nicht verstehen können, dass es in eine Welt geboren wurde, die es aus Angst vor seiner Gestalt und Andersheit verachtete. Das war die erste Sünde, die wir alle gemeinsam begangen hatten und sie würde bald noch ihren Tribut fordern.

Die Bürgermeister von Mollenreet
Ich sollte bald wieder auf den Solana-Priester treffen, dieses Mal jedoch mit weniger dramatischen Folgen. Wir wurden auf das neue kleine Hallgauer Lehen der Lady Oriana geladen. Der Besuch fiel in die Zeit eines Wunschfestes. Laut einer Legende war der Geist einer Frau, die das Dorf bisher stets verteidigt hatte, in den sogenannten Wunschbaum eingeschlossen. Doch irgendetwas war dieses Jahr anders und so schien der Geist zu weinen und um irgendetwas zu bitten. Gleichzeitig kam es zu einem Mord am Bürgermeister und irgendwo schlich eine dunkle Kreatur umher. Von all den Dingen habe ich selbst nur wenig mitbekommen, weil ich von professionswegen viel mit dem diplomatischen Verkehr zu tun hatte. Was hingegen unmissbar war, war das wachsende Aufbegehren der Dorfbevölkerung. Es gab schon vorher Gerüchte, dass der Mörder des Bürgermeisters ein bezahlter Attentäter der Gräfin war, um ihren eigenen Mann zu installieren. Im Zuge dessen kam es auch zur Wahl eines neuen Bürgermeisters. Scheinbar aus Protest wählten sich alle Bewohner des Dorfes selbst zum Bürgermeister. Die Gräfin muss das als sehr amüsant empfunden haben, denn sie verhinderte diesen Unfug nicht. Als dann aber auch noch das Wunschfest mit unnötiger Härte unterbunden und die Dorfbewohner zu „Befragungen“ verschleppt wurden, kippte die Stimmung. Die Nachfahrin der Beschützerin des Dorfes sammelte die Dorfbewohner um sich. Nur sie konnte das Erbe des Geistes antreten und die Dunkelheit vertreiben, die sich um Mollengret gelegt hatte. Doch sie brauchte alle Unterstützung, die sie nur bekommen konnte, um das Wunschfest abzuhalten. Nach Einigem hin und her gelang es, zu einem Kompromiss zu kommen und den Geist der Frau zu befrieden. Das hielt die Dunkelheit jedoch nicht davon ab, sich in Form einer schattenhaften Kreatur zu manifestieren. Wie Motten vom Licht angelockt wurden, so spürte der Solana-Priester die Präsenz der Kreatur. Er erschien uns allen zur Abenddämmerung und versammelte die Krieger zu einem Angriff. Gegen so eine Übermacht konnte die Kreatur nicht viel ausrichten. Der Priester sprach mich direkt an und wollte mit seiner Inbrunst im Kampf beweisen, dass er beim roten Zwilling nicht falsch gelegen hatte. Er wollte beweisen, dass das Böse, in welcher Form auch immer, vernichtet werden musste. Viele überzeugte er damals, aber mich nicht. Denn das Böse ist selten so klar sichtbar, wie in einer Kreatur. Viel häufiger versteckt es sich in den kleinen Gesten, in Gier, Neid oder Zorn. Daraus bezieht es seine Kraft, um zu verderben und Chaos zu stiften. Wie soll so etwas mit einer Klinge bekämpft werden können? Darin gingen meine und seine Meinung fundamental auseinander. 

 

Ruf zu den Waffen
Die politische Lage spitzte sich in der Hallgau zu und Gefahr lag in der Luft. Der Markgraf lud seine Verbündeten ein, um über die jüngsten Entwicklungen zu beraten und um eine Lösung für die derzeitigen Spannungen zu finden. Wie so oft in der Hallgau folgten nicht nur die Gäste den Ruf des Markgrafen, sondern auch Omen und Vorboten. Ein Wesen mit einer goldenen Sonnenmaske erschien in den Reihen der besorgten Menschen und verkündete, was die Raben bereits von den Dächern riefen. Es würde Krieg herrschen und die Hallgau würde damit ihren prophezeiten Untergang entgegentreten. In Anbetracht der Tatsache, welche Bedeutungen Omen und Flüche in der Hallgau besaßen, musste ich der Sache auf den Grund gehen. Zu meinem Glück untersuchte ein Hexenjäger bereits die Spur der Ereignisse. Zusammen mit einigen anderen Wagemutigen konnten wir einen flüchtigen Blick hinter den Schleier der Vorhersehung werfen. Er offenbarte uns eine fürchterliche Fratze, die Einfluss auf das Schicksal der Hallgau nahm. Uns fehlten jedoch die Worte, um das zu beschreiben, was wir im Jenseitigen gesehen hatten. Doch es reichte uns einen weiteren Baustein, um endlich ein Muster erkennbar werden zu lassen, dass sich bereits durch alle Einladungen gezogen hatte. Immer, wenn das Verhängnis an das Tor klopfte, war es der Markgraf, der ihm öffnete. Er schlug die Prophezeiung in den Wind, er befahl den roten Zwilling zu töten und, so die schreckliche Erkenntnis, er würde den Krieg über die Hallgau bringen. Wir eilten zur vereinten Tafel, doch wir kamen zu spät. Trotz aller Beschwichtigungsversuche der Verbündeten, aller Reden über den Frieden, hatte sich der Markgraf erhoben und zur Verblüffung aller einseitig den Ruf zu den Waffen verkündet. Vielleicht war es unabwendbar, weil die Prophezeiung den Faden des Schicksals der Hallgau bereit vorgespannt hatte. Aber ich will nicht daran glauben, dass der Einzelne Sklave der Vorherbestimmung ist. Viel mehr lies das schreckliche Gesicht, welches offenbart wurde, darauf deuten, dass es einen Puppenspieler gab, der, so stellte ich mit Schrecken fest, auch einen Einfluss auf den Markgrafen ausübte. Ihn aufzuhalten, bedeutete den Untergang der Hallgau aufzuhalten. Mehr denn je galt es, das Schicksal in die eigene Hand zu nehmen.

 

Das erste Urteil
Die Vorbereitungen für den Krieg waren in vollem Gange. Die Atmosphäre war gespannt und es galt, so viele Nachbarn und Verbündete wie möglich für die eigene Sache zu gewinnen. Ich war in dieser Zeit schon in den Diensten von Sir Tristan, den Oberbefehlshaber der Truppen und damit direkt in die Ereignisse involviert. Nach den letzten Malen war es sicher, dass der Puppenspieler hier seinen nächsten Zug machen würde. Es begann damit, dass sich ein ehemaliger Hallgauer beim Umtrunk verplapperte. Er ließ wissen, dass er ein Spion war und sorgte so für einiges Aufsehen. An dem Abend musste der gute Sir Tristan häufig als Rechtsprecher aktiv werden. Aller Nasen lang gab es wieder einen Fall, um den er sich kümmern musste. Es ging so viel vor sich, dass die eigentlichen Geschehnisse sich unserer Aufmerksamkeit entzogen. Es war ein kluger Schachzug. Ganz unbemerkt infizierten Larven nacheinander die Gäste. Sie bereiteten das erste Urteil, die erste Konsequenz unseres Handelns in der Hallgau vor. 
Mit Donnergrollen wurde das Tor aufgestoßen, durch das der dunkle Wanderer ging. Mit vollem Recht beschuldigte er uns als Kindermörder. Denn er war der Vater des roten Zwillings und wir alle trugen die Schuld am Tod seines Sohnes. Für Viele war er nur eine weitere Abscheulichkeit, die als Gedankenschinder bezeichnet wurde. Ich aber verstand, dass er unsere erste Strafe darstellte. Er war die erste Plage, die wir durch unser sündhaftes Verhalten über der Hallgau beschworen hatten. Mit seinem gewaltvollen Erscheinen ernteten wir nur den Hass, den wir zuvor in die fluchverseuchte Erde gesät hatten. Er forderte Gerechtigkeit und bekam doch nur Verblendung zu Gesicht. Es waren die Soliten, die den ersten Schlag gegen ihn führten. Sie nahmen uns anderen die Entscheidung ab und gaben dem Ross die Sporen, welches uns unabwendbar in den Untergang führen sollte. 
Jene, die von einer Larve infiziert waren, richteten sich gegen ihre eigenen Leute. Ich selbst führte einen schweren Hieb gegen den zornigen Vater, doch meine Waffe prahlte wirkungslos an ihm ab. Als er sich Sir Tristan zum Ziel auserkor, stand ich treu an dessen Seite und Kampf wurde ohne mein Zutun fortgesetzt. Doch das hieß nicht, dass er uns nicht mehr betraf. Es war schrecklich, gegen die Menschen, die man Freunde nannte, streiten zu müssen. Doch wir hielten stand. Irgendwann, nach einer kleinen Ewigkeit, fiel der zornige Vater und die Soliten jubelten über ihre Grausamkeit. Sie würden nie verstehen, dass ihr Sieg hohl und ein Spiegel ihrer begangenen Torheit war. Der Fluch der Hallgau würde sich fortsetzen. Denn es gab noch ausreichend Sünden, denen wir uns zu stellen hatten.

Die 13. Veranstaltung der Hallgau im rostigen Krug aus Sicht des Schreibers Tintenfleck

2 Landesgrenzen der Hallgau entfernt befindet sich das Land Rawald, ein beschauliches Reich der Bauern und ein Land, in dem das Lehnssystem keine Wurzeln schlagen konnte. Trotz inbrünstiger versuche von dem mittlerweile kopflosen Geros. 

Als die Hallgau das Protektorat über Rawald ausrief, erwachte die Sorge des geheimnisvollen Falken, der einst Rawald und Gero ins Verderben stürzte. Sir Tristan, vom Markgrafen zum kriegsmeister und Oberhaupt der Truppen ernannt, rief einige treue Verbündete zusammen, um die ersten taktischen Möglichkeiten zu erörtern und dem Rätsel des Falken auf den Grund zu gehen. Die Einnahme Rawalds in einem Zug und ohne viele Verluste wird nicht glücken, wenn man die Blutfalken außer Acht lässt.

Die strategischen Überlegungen

Auf einer großen Karte schoben sie Truppen von links nach rechts und suchten nach den besten Möglichkeiten für einen Einmarsch. Über den Fluss? Direkt über das Land und durch die dichten Wälder? Doch sie wussten auch, dass Rawald für seine berüchtigten Fallensteller bekannt war. Solange der mysteriöse Falke noch seine Macht über das geschundene Land erstreckt, würden sie auf erbitterten Widerstand stoßen.

Der Speertrupp ohne Banner

Nach vielen Verhandlungen entschieden sie, einen Speertrupp ohne Banner, Fahnen oder andere Symbole zu senden. Dieser sollte aus einigen treuen und geschickten Kämpfern bestehen, um herauszufinden, wo sich der Falken verbarg.

Im Weinkeller Hohensteyns, dem Zentrum der Diskussionen, versammelten sich die Auserwählten mit dem Herrn von Hohenstein. Neben Sir Gregor und Lady Oriana waren auch die verbündeten Elfen anwesend, die ihre Hilfe anboten. Doch es stellte sich die Frage nach dem Preis. Der Prinzgemahl Aiden zeigte Interesse daran, seine einstigen Assassinenkünste wieder aufzunehmen und sich um die Angelegenheit zu kümmern. Doch seine kluge Frau, die Prinzessin und Gemahlin, intervenierte und betonte Aidens unendlichen Wert für das Reich.

Ein großer Preis für einen gefährlichen Auftrag

Nach kurzer Rücksprache forderte die Prinzessin von Sir Tristan ein großes Stück Land aus der Westerweiterung und volles Durchmarschrecht für ihren Gemahl. Sir Tristan war überrascht, doch nach wiederholtem Nachfragen erkannte er, dass die Prinzessin keine schlechten Scherze trieb. Es war eine außergewöhnliche Forderung, eine Markgrafschaft für einen Spionageauftrag. Oder war sie gar unverschämt? Es gibt genug Treue und Freunde und auch Fremden, die dies für Ruhm und Gold erledigen. Konnte der Elfenprinz überhaupt besser sein nach all den Jahren ohne Dolch in den Händen? Sir Tristan tat diesen doch recht lächerlichen Vorschlag ab und wendete sich den anderen Treuen zu.

Der junge Ritter und seine Prüfung

Schließlich entschied er, den Auftrag direkt an Sir Gregor zu geben, einen aufstrebenden Ritter der Hallgau. Innerhalb kürzester Zeit wurde er zur Leibwache des Markgrafen ernannt und in noch viel kürzerer Zeit zum Ritter geschlagen. Es schien eine perfekte Prüfung seiner Treue und Fähigkeiten zu sein. War sein Aufstieg in einem Wimpernschlag gerecht? Oder wird man die fehlende Kenntnis des Knappentums spüren? Ist er ein Retter und Lichtblick für Den Markgrafen und Hohensteyn, oder ein verwöhnter Adliger der seine Burg zurück haben will?

Mit voller Unterstützung und Hilfe von Sir Tristan machte sich Sir Gregor auf den gefährlichen Weg in das Land Rawald, um das Geheimnis des Falken zu lüften.

Schlussbemerkung

So endet die Chronik der Taverne mit der geheimen Jagdauftrag nach dem Falken, einer Geschichte, die sich im Verborgenen der Hallgau abspielt. Die Zukunft von Rawald und die Wahrheit über den Falken bleiben vorerst im Dunkeln, doch die Entschlossenheit und die Treue der Hallgau gegenüber dem baldigen untertan Rawald lassen auf eine spannende und gefährliche Reise schließen.

Möge diese Chronik den Weg in die Annalen der Geschichte finden und die tapferen Helden, die sich aufmachen, um das Reich vor den drohenden Gefahren zu beschützen, gebührend ehren.

Euer Schreiber,

Lorin Tintenfleck
 

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